Auf dem Heimweg machen wir Halt in Deventer – einem dieser stillen, charmanten Städtchen irgendwo in Holland. Kopfsteinpflaster, freundliche Klinkerfassaden, Käseläden, Schokoladenshops – alles wirkt wie aus einem alten Reisealbum. Ich schlendere durch die Fußgängerzone, als plötzlich vertraute Klänge in mein Ohr dringen. Ein Reggae-Rhythmus – warm, erdig, sofort vertraut.
Dann erkenne ich den Song. Die Zeilen, so tief verankert in meiner Erinnerung:
Old pirates, yes, they rob I
Sold I to the merchant ships
Minutes after they took I
From the bottomless pit
Ein Straßenmusiker sitzt dort, allein mit seiner Gitarre. Und doch füllt er die ganze Straße mit Klang, mit Seele. Etwas Unbegreifliches liegt in der Luft – eine Schönheit, die man nicht erklären kann. Ich bleibe stehen, lausche, ergriffen, fast andächtig.
In einer Pause gehe ich auf ihn zu, und wir kommen ins Gespräch. Hyacinth heißt er und hat die gleichen Wurzeln wie der Schöpfer des weltbekannten Liedes: Bob Marley. Ich komme mit „Hya“, wie er genannt werden will, ins Gespräch, und er erzählt mir, dass die Straßenmusik nur ein Teil seines Broterwerbs ist. Darüber hinaus tritt er unter dem Motto „One Man Live Performances“ auf, wie seiner Visitenkarte zu entnehmen ist. Man kann ihn als Alleinunterhalter für Partys aller Art buchen. Wenn ich in Deventer eine Party auszurichten hätte – meinen Auftrag hätte er.
Wir unterhalten uns noch eine ganze Weile, und ich spüre, dass seine Art, Musik zu machen, mehr ist. Da steckt so viel Emotionales drin. Musik wie eine heimliche Anleitung zum Glücklich-, pardon, Erlöstsein. Schließlich war es Marleys „Redemption Song“ – das Erlösungslied.
Ich gehe in Gedanken zurück ins Jahr 1979:
Bob Marley – entgegen seiner sonstigen Gewohnheit – heute ohne seine Kumpels. Lediglich seine alte Gibson L-1-Gitarre begleitet ihn. Sein Weg führt ihn in die Tuff Gong Studios in Kingston, Jamaika. Er hat eine Mission! Ganz allein nimmt er den „Redemption Song“ auf. Es geht um Freiheit, Selbstbefreiung und geistige Emanzipation von Unterdrückung. Bob Marley ruft dazu auf, sich von mentaler Versklavung zu lösen und inneren Frieden zu finden.
Ist das schon Erlösung? Inneren Frieden haben sicher viele – aber sind sie auch erlöst? Ich bleibe an dem Begriff hängen. Erlösung: im christlichen Verständnis ein Handeln Gottes zugunsten des erlösungsbedürftigen Menschen. Im Volksmund sprechen wir bei langen Leidensgeschichten gerne davon, dass jemand „erlöst wurde“. Ein spannendes Thema – und ein episches Lied. Schön, dass ich es heute gehört habe.
Ich verabschiede mich von Hya. Irgendwie fühle ich mich leichter, befreiter – vielleicht sogar ein bisschen erlöst. Am Ende dieses Urlaubs bleibt das Gefühl einer Begegnung, die mehr war als nur Musik. Und wer den „Redemption Song“ noch einmal hören will – hier ist er, das Original.
der Versuch den Leser, mit diesen in die Seele gehenden Eindrücken ist kein Versuch geblieben, erhat die Seele stimmuliert. Danke für die schöne Geschichte
Dieter
Das ist ja eine tolle Rückmeldung, vielen Dank, der Schreiberling freut sich sehr 😉