Manche Orte erzählen mehrere Geschichten zugleich: In Brescia ist es eine von beeindruckender Architektur und eine von Krieg und Frieden!
Bei meinem ersten Besuch in Brescia in der vergangenen Woche hatte ich einen entscheidenden Fehler gemacht: Mein Fisheye-Objektiv lag gut geschützt auf dem Campingplatz. Und dann stand ich plötzlich auf der Piazza Paolo VI, und reibe mir irritiert die Augen. Zwei Dome – direkt nebeneinander. Der ältere, eine romanische Rotunde, wirkt fast wie eine Festung des Glaubens. Daneben erhebt sich ein klassizistisch-barocker Neubau mit ebenso mächtigen Kuppel. Statt den alten Dom abzureißen, als er zu klein geworden war, ließ man ihn einfach stehen und baute einen neuen daneben. So kann man es auch machen, tausend Jahre Baugeschichte – und genau das macht diesen Platz so außergewöhnlich. Besonders der runde ältere Kirchenbau faszinierte mich. Ein Raum, der geradezu danach verlangt, mit einem Fisheye eingefangen zu werden.
Gestern hatte ich das Objektiv deshalb endlich dabei – und es kam ausgiebig zum Einsatz. Ich mag diese Bilder. Sie haben etwas Eigenes, fast etwas Absolutes. Sie verändern den Blickwinkel und lassen Räume entstehen, die man mit dem bloßen Auge so kaum wahrnimmt.
Neben den Kirchen zog es mich auch hinauf zur Burg von Brescia. Vom Stadtzentrum sind es laut Routenplaner gerade einmal 900 Meter. Was sich harmlos anhört, hat es allerdings in sich: Bei hochsommerlichen Temperaturen geht es teilweise recht steil bergauf. Der Aufstieg kostet Kraft – doch er lohnt sich. Die Burg selbst ist beeindruckend, und der Blick reicht über die Dächer der Stadt hinaus in die Po-Ebene und bis zur Südseite der Alpen.
Doch während ich durch die alten Mauern gehe, drängt sich noch ein anderer Gedanke auf. Burgen erzählen fast immer Geschichten von Macht, Krieg und Verteidigung. Auch diese hier.
Im Jahr 1849, während der „Zehn Tage von Brescia“, leisteten die Bürger erbitterten Widerstand gegen die österreichische Armee. Vergeblich – die Angreifer waren militärisch überlegen. Die Burg wurde von österreichischen Truppen besetzt, die von hier aus ihre Geschütze auf die Stadt richteten. Ausgerechnet jenes Bauwerk, das Brescia über Jahrhunderte schützen sollte, wurde zur größten Bedrohung für die Menschen, die unter seinem Schutz leben wollten. Ein Widerspruch, der bis heute mit diesem Ort verbunden ist.
Vielleicht steckt darin eine Erkenntnis, die nichts von ihrer Aktualität verloren hat. Waffen folgen selten den Absichten derjenigen, die sie bauen oder liefern. Was heute als Schutz gedacht ist, kann morgen gegen genau die Menschen gerichtet werden, die man eigentlich schützen wollte.
Ich sitze auf einer der Bänke innerhalb der Burgmauern und lasse den Blick über Brescia schweifen. Die Stadt liegt friedlich unter mir, beinahe zeitlos. Und doch erinnert dieser Ort daran, wie zerbrechlich Frieden ist. Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft dieser Burg: Dass Sicherheit nicht durch immer mehr Waffen entsteht. Die Geschichte zeigt, dass Aufrüstung selten dauerhaften Frieden geschaffen hat – und dass es sich lohnt, darüber nachzudenken.