Vor mir entfaltet sich die Ostseeautobahn. Die Landschaft zieht vorbei, die Straße liegt offen vor mir, und ich habe Zeit, meinen Gedanken nachzuhängen. Ist der Weg das Ziel? Diese ebenso geläufige wie abgegriffene Formel gehört zu jenen Weisheiten, die man über das Reisen gern bemüht. Doch was, wenn weder der Weg noch das Ankommen das Ziel ist? Was, wenn die eigentliche Freiheit darin besteht, sich nicht zwischen beidem entscheiden zu müssen? Unsere Vorstellung vom gelungenen Leben folgt einer vertrauten Dramaturgie: Man ergreift einen Beruf, baut sich etwas auf, gründet eine Familie, erwirbt ein Haus. Irgendwann ist alles an seinem Platz. Geschafft! Man ist angekommen, hat Sicherheit gewonnen und seinen Platz in der Welt gefunden. Das Leben scheint eine verlässliche Form angenommen zu haben. Ich bin mit diesem Versprechen aufgewachsen. Und vielleicht habe ich gerade deshalb früh begonnen, es infrage zu stellen. Denn mein Vater war Fernfahrer. Er liebte es, unterwegs zu sein. Die Straße war sein Arbeitsplatz, die Bewegung gehörte zu seinem Leben. Doch sein Beruf hatte eine Kehrseite: Er war so oft unterwegs, dass es ihm kaum möglich war, sich zu Hause diese gesellschaftlichen Merkmale aufzubauen. Was für andere zum sichtbaren Zeichen eines gelungenen Lebens wurde, blieb für ihn unerreichbar. Das kränkte ihn. Er fühlte sich minderwertig, als hätte er etwas versäumt, das anderen selbstverständlich gelang. Diesen Kummer hat er mit ins Grab genomm
Mich beschäftigt bis heute der Widerspruch dieser Geschichte. Mein Vater liebte seinen Beruf und litt zugleich darunter, dass er ihn daran hinderte, einem gesellschaftlichen Ideal zu entsprechen. Das Unterwegssein gab seinem Leben etwas und schien ihm gleichzeitig etwas zu nehmen. Er lebte mit dem Gefühl, nicht mit den anderen mithalten zu können. Vielleicht liegt hier ein Ursprung meiner eigenen Haltung. Ich habe aus seinem Kummer gelernt, dass Immobilien für mich keine wesentliche Bedeutung haben müssen. Ich möchte mein Leben nicht an etwas messen, das ich besitzen, errichten oder dauerhaft an einem Ort verankern kann. Vor allem möchte ich nicht eines Tages feststellen, dass ich meine Entscheidungen an den Erwartungen anderer ausgerichtet habe. Ich kenne das Versprechen des Eigentums. Doch ich habe mich entschieden, ihm nicht die entscheidende Rolle in meinem Leben zu geben. Denn alles, was Sicherheit verspricht, kann sich auch als Bindung erweisen. Besitz schafft nicht nur Raum. Er nimmt auch Raum ein. Raum zu besitzen bedeutet eben auch, dem Besitz Raum zu geben.
Wie viel meiner Lebenszeit möchte ich Dingen überlassen, die ich einmal angeschafft habe, um mein Leben angenehmer zu machen? Diese Frage hat mich irgendwann nicht mehr losgelassen. Ich wollte weniger. Nicht unbedingt weniger Verantwortung übernehmen, sondern eine andere: die für meine eigene Zeit und dafür, wie ich sie verbringen möchte. Seitdem betrachte ich das Ankommen mit anderen Augen. Manchmal erscheint es mir nicht als Ziel, sondern als der Augenblick, in dem die Möglichkeiten kleiner werden. Als würde sich eine Tür schließen, während draußen noch unzählige Wege offenliegen. Vielleicht tue ich dem Bleiben damit unrecht. Vielleicht ist es schlicht eine Frage der persönlichen Veranlagung. Für mich jedenfalls beginnt das Leben nicht erst dort, wo ich ankomme. Es findet längst unterwegs statt. Ein Buch, das mir in diesem Zusammenhang viel bedeutet, ist John Steinbecks Unterwegs mit Charley. Steinbeck bricht mit seinem Hund auf, um sein Land neu zu sehen und sich mit ihm auseinanderzusetzen. Es geht nicht allein darum, Kilometer zurückzulegen oder möglichst viele Orte zu besuchen. Die Reise handelt von Begegnungen, Beobachtungen und dem Verhältnis zwischen dem Reisenden und der Welt, durch die er sich bewegt. Vielleicht liegt darin das Wesentliche jeder Reise. Wir nehmen uns selbst mit, aber wir lassen uns unterwegs verändern. Ich fahre nicht los, weil ich glaube, irgendwo da draußen warte ein vollkommener Ort auf mich.
Ebenso wenig glaube ich, dass ein Ortswechsel aus sich heraus ein besseres Leben hervorbringt. Man kann sich im schönsten Tal der Welt unglücklich fühlen und in einem unscheinbaren Dorf einen wunderbaren Tag erleben. Es geht mir nicht darum, immer weiterfahren zu müssen oder möglichst viele Orte auf der Landkarte zu markieren. Es geht um die Offenheit, die das Unterwegssein ermöglicht. Um die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, dessen Ausgang man noch nicht kennt. Im Wohnmobil wird dieser Gedanke konkret. Mein Zuhause ist nicht an eine bestimmte Adresse gebunden. Es ist ein Raum, den ich mitnehmen kann, ein vertrauter Ort, der mit der Landschaft wechselt. Morgens öffne ich die Tür und weiß bisweilen noch nicht, was der Tag bringen wird. Das kann unbequem sein. Es verlangt Organisation, Anpassungsfähigkeit und die Bereitschaft, mit Unsicherheiten umzugehen. Nicht jeder Tag ist ein Abenteuer, nicht jede Straße führt zu einer Erkenntnis. Doch ich muss nicht jeden möglichen Ausgang kennen, bevor ich losfahre. Gerade darin liegt für mich eine besondere Form von Freiheit. Nachdenklich stimmt mich an unserer Vorstellung vom gelungenen Leben weniger die Bedeutung, die wir dem Eigentum beimessen, als die Bewertung jener, die sich gegen dieses Lebensmodell entscheiden.
Wer den gesellschaftlichen Erwartungen entspricht, gilt schnell als etabliert. Wer anders lebt, scheint sich mitunter noch rechtfertigen zu müssen. Dabei gibt es Menschen, die an einem Ort glücklich werden. Sie möchten jeden Frühling dieselben Pflanzen wachsen sehen, ihre Umgebung über Jahre kennenlernen und in einem Haus Erinnerungen sammeln. Andere wachen im Frühling vielleicht an einem See auf, verbringen den Sommer in den Bergen und bleiben im Herbst dort, wo die Luft nach Regen und Laub riecht. Beides sind gültige Antworten auf die Frage, wie man leben möchte. Beweglichkeit bedeutet nicht Haltungslosigkeit. Wer sich gegen die Erwartungen anderer entscheidet, muss umso genauer herausfinden, woran er sich stattdessen orientieren will. Ohne die äußeren Markierungen eines konventionellen Lebenswegs braucht es eigene Maßstäbe. Man muss selbst herausfinden, was wichtig ist, was genügt und wofür man seine Zeit einsetzen möchte. Die Freiheit, sich nicht festzulegen, entbindet einen nicht von der Verantwortung für das eigene Leben. Sie macht diese Verantwortung vielmehr sichtbarer.
Vielleicht ist das meine Art, standfest zu sein: nicht unbedingt an einem Ort, sondern in der Entscheidung, mein Leben nach meinen eigenen Vorstellungen zu gestalten. Ich brauche keinen Grundbucheintrag, um zu wissen, dass ich Verantwortung übernehmen kann. Ich brauche keine Adresse, die sich über Jahrzehnte nicht verändert, um zu wissen, wo ich hingehöre. Mein Standpunkt ist nicht der Ort, an dem ich stehe. Er ist die Haltung, mit der ich meinen Weg gehe. Vielleicht ist es die Vorstellung, irgendwann sei alles eingerichtet, die mich unruhig macht. Die Dinge sind geregelt, der Platz ist gefunden, das Leben verläuft in geordneten Bahnen. Das Puzzle ist fertig. Jedes Teil liegt an seinem Platz, und ich kann das vollständige Bild betrachten und feststellen: So also sieht mein Leben aus. Aber was geschieht danach? Wird die Neugier leiser, wenn nichts mehr fehlt? Beginnt man, das fertige Bild zu bewahren, statt sich zu fragen, was darin noch keinen Platz gefunden hat? Vielleicht fürchte ich weniger das Ankommen als die Vorstellung, es könne nichts Wesentliches mehr hinzukommen. Ich brauche das Gefühl, dass noch etwas vor mir liegt: eine unbekannte Straße, eine ungesehene Landschaft, eine Möglichkeit, von der ich heute noch nichts weiß. Ich möchte mich auf etwas freuen können, das noch nicht stattgefunden hat. Wenn der sechzigste Geburtstag näher rückt, stellt sich die Frage nach dem, was noch kommen soll, vielleicht mit besonderer Dringlichkeit. Man blickt auf die zurückgelegte Strecke, ohne deshalb schon am Ende sein zu wollen.
Ich möchte nicht auf das Finale warten. Ich möchte im Spiel bleiben, neugierig auf den nächsten Zug, offen für Wendungen, die ich noch nicht kenne. Vielleicht muss ich deshalb unterwegs bleiben. Nicht unbedingt auf der Straße, nicht jeden Tag und nicht um jeden Preis. Aber in meiner Haltung zum Leben. Ich möchte mir die Fähigkeit bewahren, aufzubrechen und Pläne zu machen, ohne zu wissen, ob sie sich genau so verwirklichen werden. Auch in Zukunft möchte ich nicht das Gefühl haben, mein Leben sei im Wesentlichen bereits erzählt. Lange Zeit habe ich das Ankommen beinahe als Gegenentwurf zum Unterwegssein verstanden, als müsste man sich irgendwann entscheiden: bleiben oder weiterfahren. Dabei ist Ankommen ein guter Moment. Einer, in dem die Bewegung zur Ruhe kommt. Man steigt aus, schaut sich um und stellt fest, dass man genau hier sein möchte. Vielleicht für einen Nachmittag, vielleicht für ein paar Wochen. Man lässt sich auf einen Ort ein, entdeckt seine Eigenheiten und wird für eine Weile ein wenig Teil von ihm. Aber Ankommen muss nicht endgültig sein. Ich darf bleiben, ohne mich für immer festzulegen. Ich darf mich wohlfühlen, ohne aufhören zu müssen, die Welt zu entdecken. Und ich darf wieder aufbrechen, ohne damit das Ankommen von gestern infrage zu stellen. Vielleicht ist Ankommen gar kein Ziel, das man ein für alle Mal erreicht. Vielleicht ist es etwas, das unterwegs immer wieder geschieht: ein Augenblick der Zufriedenheit, der nicht dadurch wertvoller wird, dass er für immer dauert.
Vielleicht ist das mein Verständnis von Freiheit: ankommen zu dürfen, ohne bleiben zu müssen, und weiterfahren zu können, ohne Angst vor dem Ankommen zu haben. Denn ich habe durchaus Ankerplätze. Menschen, bei denen ich Halt finde. Orte, an die ich zurückkehren kann, ohne mich erklären zu müssen. Und vielleicht gibt es irgendwann sogar einen Ort, der zu meinem endgültigen Anker wird: einen Ausgangspunkt, von dem ich aufbrechen und zu dem ich zurückkehren kann. Auch dieses Bild gehört zu meinem Leben, selbst wenn seine einzelnen Teile noch nicht an ihrem Platz liegen. Das Puzzle ist nicht fertig. Vielleicht muss es das auch gar nicht sein. Ich möchte weitere Teile entdecken, Ausschnitte neu zusammensetzen und das Bild verändern, das ich von meinem Leben habe. Nicht, weil ich mich nirgendwo festlegen könnte, sondern weil ich mir erlaube, mich immer wieder neu zu entscheiden. Und solange hinter dem nächsten Ankommen noch ein Weg liegen darf, freue ich mich auf jeden neuen Ausschnitt, den ich entdecke..