Es gibt Länder, die man bereist. Und es gibt Länder, die einen schon an der Grenze in den Arm nehmen. Italien! Wie so oft. Und doch ist es jedes Mal einzigartig. Diesmal führt uns der Weg über Liechtenstein und durch den San-Bernardino-Tunnel. Dann kommt die Grenze – und mit ihr sofort dieses Gefühl. Es ist wieder da. Dieses ganz besondere – Italien. Alles wirkt ein wenig weniger geschniegelt als in der Schweiz, manches funktioniert vielleicht nicht ganz so präzise. Aber dafür ist die Magie hier ein gutes Stück größer. Als hätte jemand die Perfektion gegen Lebensfreude eingetauscht – und dabei das bessere Geschäft gemacht. Mich packt dieses Gefühl jedes Mal unmittelbar hinter der Grenze. Es ist ein bisschen so, als würde man mit einem Ufo auf einem anderen Planeten landen. Die Landschaft ist vertraut und doch anders, die Farben scheinen wärmer, die Luft weicher und die Zeit beginnt plötzlich in einem gemächlicheren Takt zu schlagen. Passenderweise steht kurz vor Milano eine Raststätte, die tatsächlich aussieht, als wäre gerade ein Raumschiff gelandet. Ich weiß, für jemanden meiner Herkunft klingt das vielleicht seltsam. Aber genau dort beginnt für mich jedes Mal ein kleines Stück heim kommen.

Auf unserem Campingplatz sind wir zum ersten Mal. Der Platzwart hat bei Google teilweise erschreckend schlechte Bewertungen – offenbar wegen seines sehr eindrucksvollen Auftretens. Ich muss allerdings sagen: Mir gefällt seine Art.
Er ist freundlich, aber bestimmt. Einer, der Präsenz zeigt, ohne laut werden zu müssen. Und wenn man ihm begegnet, lächelt er mit einer Herzlichkeit, die so gar nicht zu seinem Ruf passen will. Er schafft etwas, das gar nicht so einfach ist: Ordnung fühlt sich bei ihm nicht nach Gängelei an, sondern nach einer entspannten Laissez-faire-Atmosphäre mit klaren Spielregeln. Fast wie ein guter Schiedsrichter – man merkt erst, wie gut er ist, wenn man ihn kaum wahrnimmt.
Das eigentliche Highlight des Platzes ist neben dem See, dem Pool, dem Panorama und all den anderen schönen Dingen jedoch ein ganz besonderer Ort. Die Spülstation. Ich habe hier schon einmal geschrieben, dass ich erstaunlich gern auf Campingplätzen spüle. Kaum irgendwo sonst kann man Menschen so unverstellt erleben. Beim Geschirrspülen fallen die Masken. Da stehen Familienväter neben Motorradfahrern, Rentner neben Backpackern, Pedanten neben Improvisationskünstlern – alle vereint durch einen Schwamm und einen Stapel schmutziger Teller. Doch dieser Platz setzt dem Ganzen die Krone auf. Die Spülstation liegt erhöht. Man steht dort fast wie ein Kapitän auf der Brücke seines Schiffes, blickt über den gesamten Campingplatz und bis hinaus auf den See. Ein toller Aussichtspunkt für den Frenwehchronisten. Während unten das Campingleben vorüberzieht, wird jeder Spülgang zu einer kleinen Reise durch die Geschichten anderer. Ich ahne schon jetzt, dass ich hier viele glückliche Minuten verbringen werde – spülend, manövrierend, beobachtend und immer wieder staunend.
Ahoi, Italien!

So ein Betrachter hat Augen wie eine Fliege, nur mehr als 1000 Facetten können soviele Einzelheiten, die für andere Nebensächlichkeiten sind, erfassen und bewerten.
Facziniernd das erzählt zu bekommen.
Hallo Dieter,
es freut mich so einen treuen Leser zu haben.
Liebe Grüße vom Lago di Iseo.