Das Faszinierende an einem Campingurlaub ist nicht nur die frische Luft und die ewige Suche nach dem Stromadapter. Mindestens genauso spannend ist das heimliche Hobby vieler Camper: die Nachbarn nationenweise in liebevoll gezimmerte Schubladen voller Vorurteile zu sortieren. Natürlich immer mit einem Augenzwinkern – und der festen Überzeugung, dass die eigene Schublade selbstverständlich die schönste ist.
Deshalb fange ich bei mir selbst an. Ich bin nämlich – selbstverständlich – der richtige Camper. So einer, der schon sein halbes Leben campt. Der ganz klein mit einem Minizelt und einer Luftmatratze begonnen hat, die den orthopädischen Charme einer mittelalterlichen Streckbank besaß. Einer, der jahrelang einen Bulli gefahren hat – das Kultobjekt auf vier Rädern, bei dem man spätestens nach dem dritten Gespräch auf dem Campingplatz ungefragt zum Freiheitsphilosophen erklärt wird.
Ich merke schon: Diese Attribute der Freiheit sind ein wenig wie Brennnesseln. Fasst man sie falsch an, wachsen unter der Grasnarbe ganz schnell Überheblichkeit und Arroganz. Keine Sorge – ich nehme mich selbst dabei nicht aus. Wer campt, sollte schließlich nicht nur Heringe einschlagen können, sondern auch den eigenen Stolz.
Woran erkennt man nun die unterschiedlichen Nationen?
Die Deutschen zum Beispiel häufig daran, dass sie tätowiert sind – manche so umfassend, dass man unwillkürlich an eine Litfaßsäule denkt, auf der drei Festivals, zwei Tätowierer und ein Kegeltreffen gleichzeitig werben. Dazu gesellt sich eine Spezies, die auf nahezu jedem Campingplatz in den Sommerferien zuverlässig vorkommt: der Erklärvater. Er kompensiert sein schlechtes Gewissen gegenüber dem Nachwuchs, indem er in beeindruckender Lautstärke die Photosynthese einer Zypresse, den optimalen Luftdruck im Fahrradreifen oder die aerodynamischen Vorteile einer Markise referiert. Das Kind wollte eigentlich nur ein Eis.
Auch bei den Reisezielen gibt es erstaunliche Vorlieben ganzer Nationen. Nur die Schweizer – die findet man einfach überall. Selten in großen Gruppen, aber dafür zuverlässig auf jedem zweiten Campingplatz zwischen der Algarve und Radevormwald, zwischen Castrop-Rauxel und der kroatischen Küste. Sie wirken ein wenig wie das WLAN: Man rechnet nicht damit, aber irgendwie sind sie doch da.
Österreicher hingegen begegnet man auf Campingplätzen vergleichsweise selten. Vermutlich bleiben sie lieber in ihrer eigenen wunderschönen Bergkulisse oder sie haben schlicht erkannt, dass man für Alpenpanorama nicht zwangsläufig 900 Kilometer fahren muss.
Damit komme ich zu meinen Lieblingsnachbarn – und das meine ich völlig ernst: den Niederländern.
Vor vielen Jahren verbrachte ich eine Woche auf einem Campingplatz im Schwarzwald und hatte die ganze Zeit ein merkwürdiges Gefühl. Irgendetwas fehlte. Erst nach Tagen wurde mir klar, was es war: Es waren keine Holländer da. Ich hatte sie tatsächlich vermisst.
Vielleicht beginnt es schon mit ihrer Sprache. Sie klingt freundlich, fröhlich und irgendwie so, als hätte jemand beschlossen, dass selbst Unterhaltungen gute Laune machen sollen. Wer kommt schließlich auf die großartige Idee, ein Moped „Bromfiets“ zu nennen – also ein „Brumm-Fahrrad“? Allein dafür verdient das Niederländische einen Ehrenpreis.
Natürlich gibt es unzählige Witze über Holländer mit Wohnwagen. Aber ganz ehrlich: Ich bin ein echter Fan unserer Nachbarn. Vielleicht, weil sie eine wohltuende Mischung aus Pragmatismus und Unkompliziertheit besitzen. Während der Deutsche manchmal erst prüft, ob etwas stilistisch vertretbar ist, fragt sich der Holländer lediglich: „Funktioniert das?“
Aktuelles Beispiel: Ein SUV aus einer bekannten Stuttgarter Sportwagenschmiede – selbstverständlich mit Anhängerkupplung. In Deutschland wird darüber gern die Nase gerümpft. Ein Sportwagen soll schließlich elegant aussehen und nicht einen Wohnwagen ziehen. Der Niederländer hingegen denkt sich: Ich möchte einen Sportwagen. Ich möchte einen Wohnwagen. Warum sollte ich mich entscheiden? Also schraubt er hinten eine Anhängerkupplung dran und fährt los. Problemlösung auf Niederländisch.
Und genau das mag ich. Diese herrlich unprätentiöse Art. Camping ist schließlich kein Schönheitswettbewerb, sondern ein Lebensgefühl. Es geht darum, draußen zu sein, gemeinsam zu lachen und den Nachbarn im Zweifel mit dem fehlenden Hering auszuhelfen – ganz egal, welches Kennzeichen am Auto hängt.
Liebe Niederländer: Bleibt bitte genau so, wie ihr seid. Ihr macht Campingplätze nicht nur voller, sondern auch fröhlicher.