Die Bugwelle vor dem blau gestrichenen Kahn plätschert leise vor sich hin. Am freistehenden Steuerrad steht ein älterer Herr. Aufmerksam, beinahe amtlich konzentriert, trotzt er dem friesisch-herzhaften Wetter, gehüllt in eine Jacke von stabilem Gelb.
Der Kanal, direkt vor unserem Wohnmobilstellplatz, gleicht einer Bühne. Einem Theater der Gelassenheit. Alles scheint zunächst tiefenentspannt. Es passiert zwar ständig etwas, aber – und das ist wie ein Geschenk an gestresste Stadtmenschen – es passiert nacheinander. Jedes Ereignis erscheint wie ein einzelner Akt. Dazwischen ausreichend Pausen.
Nachdem der kleine Kahn vorbeigefahren ist, passiert zunächst erst einmal nichts. Ich habe Zeit, mir Gedanken über das Geschehene zu machen. Wo der Kahn wohl hinfährt. War es ein Einheimischer oder ein Tourist, der das Boot gechartert hat? Irgendwann zieht Ruhe in meine Gedankenwelt ein.
Das Licht ist spektakulär. Die Farben leuchten, die Kontraste sind schärfer, die Konturen klarer. Alles scheint intensiver als zu Hause, als hätte jemand die Welt ein wenig weiter aufgedreht. Vielleicht liegt es am Licht. Vielleicht aber auch daran, dass ich endlich wieder Zeit habe, hinzusehen.
Mir fällt ein Vers aus der Genesis ein: „Meinen Bogen setze ich in die Wolken; der soll das Zeichen sein zwischen mir und der Erde.“ Ein schöner Gedanke, dass dies immer noch gilt! Und dann noch diese unförmigen aber wetterfesten Vögel. Schwarz, vom Wind unbeeindruckt; stoisch picken sie im Gras auf der Suche nach etwas Essbarem. Auch dieser Akt gehört dazu, auch wenn mir sein Gehalt nicht ganz klar ist. Aber sie würden fehlen.
Alles in allem sind wir an einem Ort gelandet, der wie für uns geschaffen scheint. Ruhig, lichtdurchflutet, durchaus rau, aber ehrlich. Nichts drängt sich auf, nichts verlangt nach unserer Aufmerksamkeit. Und gerade deshalb gibt es so viel zu entdecken. Wir sind an einem Ort gelandet, an dem das Unscheinbare sich finden lassen will.