Es gibt jene flüchtigen Urlaubsmomente, die sich jeder Beschreibung entziehen – bis man plötzlich bemerkt, dass sie längst gemalt wurden. Nicht am Campingplatz am Lago di Iseo, sondern vor über hundertfünfzig Jahren von Carl Spitzweg.
Die Szenerie scheint zunächst dem Feuilleton meiner Hauspostille entsprungen : ein Pool, ein Sonnenschirm, ein Bademeister. Doch wie sich der Mann unter dem Schirm der Mittagshitze überlässt, wie seine Bewegungen sich in einer fast zeitlupenhaften Langsamkeit verlieren – verwandelt sich das Alltägliche. Seine Gestalt ruht in sich selbst, als hätte Spitzweg sie dort platziert – eine mediterrane Variante seines berühmten Poeten, abwesend und doch ganz gegenwärtig.
Dieser Bademeister ist Italiener durch und durch, von jener unaufdringlich herzlichen Art, die Gelassenheit nicht zur Pose macht, sondern zur Lebensform. Er weiß, was der Hochsommer verlangt: Zwischen ein und vier Uhr gehört der Tag nicht der Geschäftigkeit, sondern der Siesta. Eine stille Weisheit des Mittelmeers, die sich jedem erschließt, der bereit ist, den Rhythmus des Südens anzunehmen.
Eine kleine Urlaubsbeobachtung bestätigt diese Ordnung auf amüsante Weise: Zwischen ein und vier bevölkern fast ausschließlich Deutsche und Engländer den Strand – auseinanderzuhalten lediglich daran, dass die einen Sommersprossen haben.
Während ringsum geplanscht, geschwommen und gespielt wird, sitzt der Bademeister wie das ruhende Zentrum eines lebendigen Stilllebens. Er wacht, ohne sichtbar zu handeln; er beobachtet, ohne sich aufzudrängen. Seine Präsenz verleiht der Szene jene magische Spannung, die Spitzwegs Figur so unverwechselbar macht: Sie tut scheinbar nichts – und erzählt doch alles.
Als ich ihn frage, ob ich ein Foto machen darf, hellt sich sein Gesicht auf. Wir kommen ins Gespräch. Seine Freundlichkeit wirkt vollkommen selbstverständlich, und doch hat sie etwas Berührendes. Offenbar wird er nicht oft selbst zum Motiv. Für einen kurzen Augenblick wechselt er die Rolle: Aus dem Beobachter wird der Betrachtete.
Ich mache das Bild, verabschiede mich mit einem Winken, und sein Lächeln scheint noch ein wenig heller zu werden. Vielleicht liegt darin das eigentliche Kunstwerk dieses Augenblicks: Nicht die Fotografie selbst, sondern das gegenseitige Wahrnehmen.
Und wenn ich im kalten November auf dieses Bild stoßen werde, dann wird es nicht nur die Erinnerung an einen Sommertag zurückbringen. Es wird mich an jene seltenen Momente erinnern, in denen das Leben für einen Augenblick aussieht, als hätte Carl Spitzweg es gemalt.
Cordiali saluti, il tuo amichevole bagnino.