Da stand er in einem Schaufenster: ein Globus. Globen wirken auf mich immer so endgültig. Die ganze Schöpfung, eingefangen auf einer einzigen Kugel. Als ließe sich die Welt mit einer Hand umfassen. Doch auf diesem Globus hatte jemand ein kleines Papierschiff platziert. So eines, wie wir es als Kinder gefaltet haben. Ich könnte es heute noch. Mit wenigen Knicken wird aus einem Blatt Papier ein Schiff – bereit für große Reisen, obwohl es doch so zerbrechlich ist.
Dieses Bild lässt mich nicht mehr los. Jetzt sitze ich in einer Bar an der Piazza von Iseo. Der Duft von Cappuccino liegt in der Luft, italienische Stimmen schweben wie eine zweite Melodie über den Platz, und aus den Lautsprechern erklingt I’m a Passenger. Zufall? Vielleicht. Oder einer dieser Momente, in denen das Leben einem einen Gedanken zuflüstert.
Bin ich dieser Passagier? Sitzt das kleine Papierschiff auf dem Globus nicht vielleicht genau deshalb dort – weil wir alle unterwegs sind -ich es bin? In solchen Augenblicken spüre ich, warum ich immer wieder hierher zurückkehre. Italien ist für mich kein Reiseziel. Italien ist ein Schiff. Eines, das langsam und gelassen durch mein Leben fährt. Mal im hellen Sonnenlicht, mal begleitet von einer Wehmut, die hier fast schon zur Landschaft gehört. Niemand versteht es, Liebeskummer so herzzerreißend zu tragen wie ein Italiener – und doch bleibt immer Platz für einen Cappuccion, ein Lächeln und ein Domani. Jedes Mal, wenn ich hier an Bord gehe, erinnert mich dieses Land daran, dass nicht das Ziel das Entscheidende ist, sondern die Schönheit der Fahrt. Vielleicht besteht Glück gar nicht darin, das Steuer fest in den Händen zu halten. Vielleicht genügt es, ein aufmerksamer Passagier zu sein. Einer, der schaut, staunt und sich berühren lässt. Und manchmal führt einen das Leben ausgerechnet nach Italien – an einen Ort, an dem selbst das Vorübergehende einen Hauch von Ewigkeit bekommt. Ich glaube, wenn Jesus Urlaub macht, dann kommt er hierher. Ich lasse meinen Blick über die Piazza wandern. Ganz hinten schimmert der kleine Hafen. Boote schaukeln gelassen im Wasser. Menschen gehen ihrem Alltag nach. Niemand scheint es eilig zu haben. Es ist ein Ort zum Innehalten. Zum Passagiersein. Ich bin nur Gast – und fühle mich doch für einen Augenblick als Teil des Ganzen. Wann hört man eigentlich auf, Gast zu sein? Wann wird aus einem Reisenden jemand, der dazugehört? Oder ist das vielleicht die falsche Frage? Ein Passagier erlebt, beobachtet, staunt. Er nimmt das Leben in sich auf. Aber tun das nicht auch die Menschen, die hier leben? Vielleicht sind wir am Ende alle Passagiere. Jeder sitzt in seinem eigenen kleinen Kahn. Manche haben ihren Anker in Italien ausgeworfen, andere im Marburger Hinterland. Doch keiner bleibt für immer im Hafen. Italien war seit Jahrhunderten ein Land der Schiffe. Von einfachen Fischerbooten bis zu eleganten Seglern haben sie Menschen, Geschichten, Sehnsüchte, Genuss und Melancholie über das Wasser getragen. Vielleicht hat dieses Land gerade deshalb gelernt, dass Ankommen nie wichtiger ist als Unterwegssein. Ich steige immer wieder zu, obwohl ich den Fahrplan längst kenne. Vielleicht gerade deshalb. Und irgendwann heißt es wieder Abschied nehmen. Von Bord gehen. Nach Hause fahren. Doch manche Reisen verändern nicht den Ort, sondern den Blick. Ich nehme jedes Mal ein kleines Stück italienischer Gelassenheit mit. Mal sehen, wie lange sie diesmal hält. Und vielleicht ist das genug.
Italien – ich bin gern Passagier.