Jedes Land hat ja so seine ganz eigenen Themen. Und manchmal auch seine ganz eigenen Empfindlichkeiten
Ich erinnere mich an einen Comedian, der sein Publikum vor mehr als zwei Jahrzehnten einmal fragte: „Wissen Sie, wie man einen Holländer so richtig verschnupfen kann?“
Die Antwort: „Fragen Sie ihn, ob er Rudi Carrell kennt!“
Damals ein echter Schenkelklopfer. Heute erntet man damit außerhalb meiner Generation vermutlich eher ein freundliches Lächeln. Oder einen Blick, der ungefähr so viel sagt wie: Rudi wer? Dabei war Rudi Carrell eine Institution. Ein Niederländer, der Deutschland über Jahrzehnte zum Lachen brachte.
Wenn ich an seine legendären Auftritte denke, muss ich heute noch lachen. An die Tagesshow, an Norbert Blüm als kongenialen Sparringspartner und natürlich an Am laufenden Band. Fernsehen konnte damals so herrlich albern sein. Man brauchte weder zehn Kameras noch eine spektakuläre Drohnenaufnahme. Ein guter Gag, ein schiefes Grinsen – und das Publikum war glücklich. Und dann kam unsere Ankunft hier. Ich schlendere zum ersten Mal über den Platz, schaue mich ein wenig um und plötzlich stockt mir der Atem. Da kommt mir ein Holländer entgegen, der Rudi Carrell zum Verwechseln ähnlich sieht. Zumindest dem Rudi, den ich in meiner Erinnerung abgespeichert habe.
Ich schaue zweimal hin.
Rudi ist wieder da!
Hat er sich etwa nur eine längere Auszeit genommen? Heute Morgen ist mir mein vermeintlicher Rudi wieder begegnet. Und seitdem beschäftigt mich eine wichtige Frage: Wäre er eigentlich verschnupft, wenn er wüsste, dass ich ihn für Rudi Carrell halte? Oder sollte ich beim nächsten Mal einfach das Gespräch suchen? Ich habe mir den Dialog vorsichtshalber schon einmal zurechtgelegt.
„Hallo Rudi, guten Morgen!“
Mein Gegenüber schaut mich mit großen Augen an. Er schweigt.
Ich lasse mich nicht beirren.
„Na, schon wieder Neues für Am laufenden Band besorgt?“
Sein Blick wird etwas finsterer.
Ich setze nach.
„Und? Hast du heute schon wieder zwei Herzblätter miteinander verkuppelt?“
Jetzt wird der Blick wirklich dunkel. Offenbar ist die Stimmung nicht mehr ganz so rosig wie bei Rudis Tagesshow.
Aber ich habe noch einen!
„Für deine nächste Sendung hätte ich übrigens einen tollen Gast: Norbert Blüm! Der könnte uns erklären, wie man mit wenig Geld ganz viel Unterhaltung macht.“
Mein Gegenüber atmet hörbar aus.
Ich setze zum finalen Gag an:
„Und falls du mal eine richtig große Abschiedsshow planst: Lass bloß die Jacob Sisters zu Hause! Du weißt ja, was du über ihre Pudel gesagt hast …“
Spätestens jetzt wäre vermutlich Schluss mit lustig. Schließlich soll Rudi Carrell einmal sinngemäß gewitzelt haben, dass er auf eine öffentliche Beerdigung verzichte, weil die Jacob Sisters mit ihren Pudeln jede Atmosphäre zerstören würden. Wobei ich mich frage, ob die Pudel damals eigentlich wussten, dass sie eine eigene Karriere als Stimmungskiller hatten.
Weiter komme ich in meinem Kopfkino nicht. Mein Gegenüber dreht sich auf dem Absatz um und marschiert mit stampfenden Schritten davon. Zum Glück ist all das nur meiner Fantasie entsprungen. Ich habe den Mann natürlich nicht angesprochen. Man muss ja nicht jede Begegnung gleich in eine Samstagabendshow verwandeln.
Außerdem könnte die Sache schnell in die falsche Röhre kommen. Und das täte mir wirklich leid. Denn ich mag nicht nur die Holländer, sondern bin auch ein erklärter Rudi-Carrell-Fan. Seine Gags, seine Selbstironie und seine legendären Wortgefechte mit Norbert Blüm sind für mich bis heute unerreicht. Vielleicht ist es genau das, was gute Unterhaltung ausmacht: Man lacht über andere, aber am besten auch ein bisschen über sich selbst.
Ich denke so ein wenig über das große Ganze, Wir begegnen Menschen, die uns an irgendjemanden erinnern. Wir legen uns im Kopf schon die passenden Sprüche zurecht. Wir glauben, die Pointe unseres Lebens längst gefunden zu haben. Und merken manchmal erst im letzten Moment, dass unser Gegenüber gar nicht mitspielt.
Sind wir nicht alle ein bisschen Rudi?
Na gut. Vielleicht nicht alle.
Aber wenn mir morgen wieder jemand über den Weg läuft, der aussieht wie Rudi Carrell, dann werde ich ihn ganz bestimmt nicht fragen, ob er schon wieder zwei Herzblätter verkuppelt hat. Ich werde einfach freundlich lächeln. Man weiß ja nie, ob nicht doch die Jacob Sisters um die nächste Ecke kommen.
So, und hier noch ein paar Bilder von unserer gestrigen Tour nach Sneek!