Da ist es wieder. Dieses schwer zu beschreibende Gefühl – Teenager würden vermutlich einfach „Vibes“ sagen. Wir stehen mit dem Wohnmobil auf dem Campingplatz in Bad Karlshafen, und schon gestern bei der Ankunft war es plötzlich da. Es wabert durch die verschiedenen Schichten meines Seins. Beiläufig – und dann lässt es mich nicht mehr los. Ich suche nach einem Wort, dass es beschreibt. Heute morgen ist mir dieses eine Wort vor die Füße gefallen.
Klassentreffen.
Es fühlt sich an, wie beim Klassentreffen. Nein hier ist weit und breit nicht ein Mensch, mit dem ich zusammen in die Schule gegangen bin. Aber es sind gefühlt achtzig Prozent Boomer, Menschen die zu meinem Jahrgang gehören, sagen wir plus minus fünf Jahre. Boomer eben. Menschen, die dieselben Lieder kennen, die Dallas im Fernsehen geschaut haben, deren Lebensläufe sich nicht gleichen, aber reimen.
Vor Jahren sah ich einmal den Titel eines Buches: Boomer, wir waren viele. Ich würde heute sagen: Wir sind viele.
Ich campe nicht erst seit gestern. Über zwanzig Jahre mit dem Bulli unterwegs, zusammen mit zahllosen anderen Freiheitsromantikern unserer Generation. Heute fahren wir einen Teilintegrierten – keine klapprige Hippiekiste mehr, sondern ein solides Wohnmobil für Menschen, die morgens gerne ohne Rückenschmerzen aufstehen. Und damit reihen wir uns wieder ein in die große Karawane der Vielen.
Auf dem Platz stehen unzählige Fahrzeuge wie unseres. Selbst der Wunsch nach Individualität wirkt erstaunlich kollektiv. Die Aufkleber gleichen sich mit beinahe wissenschaftlicher Präzision: „Das Leben ist zu kurz für irgendwann“ -oder ähnliches- klebt hier in beeindruckender Häufigkeit auf Heckklappen und Seitenwänden. Kürzlich habe ich allerdings einen gelesen, der mich wirklich zum Schmunzeln brachte: „Wohnmobil ohne blöden Spruch am Heck.“ Das ist Satire in Reinform. Humor können wir!
Gestern Abend dann zum Essen in einem kleinen Restaurant ganz in der Nähe. Am Nebentisch saß eine Gruppe Männer in unserem Alter. Laut, herzlich, über dieselben Witze lachend – und sichtbar glücklich dabei. Wieder dieses Gefühl: Klassentreffen. Früher hielt ich mich ja für einen Individualisten. Für jemanden, der ganz anders ist als die Anderen. Inzwischen weiß ich: Stimmt gar nicht. Und das ist überhaupt kein Problem. Ich Gehöre dazu. Zu dieser Generation, zu diesen Geschichten, zu diesen kleinen Ritualen des Älterwerdens. Mein Leben ähnelt dem vieler anderer, mehr, als ich lange wahrhaben wollte. Und vielleicht liegt genau darin etwas Tröstliches. Solch ein Kurzurlaub hat die Atmosphäre eines Klassentreffens – nur ohne Hausaufgaben und peinliche Erinnerungsphotos. Und ich merke: Ich mag diese Vibes.





