Camping im Herbst hat eine besondere Eigenart: Während man im Sommer gelegentlich Wasser nachfüllen muss, entwickelt sich im Herbst ein geradezu inniges Verhältnis zur Ver- und Entsorgung. Vor allem die Gasversorgung wird zur existenziellen Frage. Denn ohne Gas keine Heizung. Und ohne Heizung ist ein Wohnmobil im Herbst eher suboptimal.
Wir waren mit einer vollen und einer etwa halbvollen Gasflasche gestartet. Unsere Heizung hatte allerdings offenbar beschlossen, die kalte Jahreszeit nicht nur zu begrüßen, sondern sie gleich persönlich herauszufordern. Mit entsprechendem Gasverbrauch sorgte sie rasch für klare Verhältnisse: Die erste Flasche war leer.
Gestern habe ich dann die zweite, noch volle Flasche angeschlossen. Die entscheidende Frage lautete nun: Würde sie die Woche überstehen? Ich hatte erhebliche Zweifel. Und noch erheblichere Zweifel hatte ich an der Vorstellung, mitten in einer niederländischen Herbstnacht aufzuwachen und festzustellen, dass ich fortan als Tiefkühlkost im eigenen Wohnmobil residierte.
Also befragte ich die Suchmaschine meines Vertrauens. Sie spuckte einen Laden für Bootszubehör aus, der auch Gasflaschen führte. Laut Navigationsgerät lag das Geschäft gerade einmal zweihundert Meter Luftlinie entfernt.
Zweihundert Meter! Das klang nach einem Spaziergang, nicht nach einer logistischen Herausforderung.
Allerdings hatte die Luftlinie einen kleinen Schönheitsfehler: Dazwischen lag ein Kanal. Und Kanäle sind bekanntlich ausgesprochen unkooperativ, wenn man sie mit dem Fahrrad überqueren möchte. So wurden aus den zweihundert Metern Luftlinie zwei Kilometer am Wasser entlang, über eine Brücke und anschließend wieder zurück. Die niederländische Geografie hatte bereits ihren ersten Beitrag zu meinem persönlichen Unterhaltungsprogramm geleistet.
Im Laden empfing mich eine freundliche Verkäuferin, die nicht lange fackelte. Mit der Entschlossenheit einer Frau, die schon ganz andere Probleme mit einem einzigen Handgriff gelöst hatte, öffnete sie einen massiven Stahlcontainer und beförderte meine Hoffnung auf weitere warme Nächte in Form einer Gasflasche ans Tageslicht. Ich fragte, ob es vielleicht möglich sei, die Flasche zum Campingplatz zu liefern. Sie sah mich verständnislos an:
„Nee, je kunt de roeiboot nemen!“
Nein, du kannst das Ruderboot nehmen!
Und dann? Diese Frage stellte ich nicht laut. Mein Gesicht übernahm das für mich. Offenbar war es dabei ausgesprochen ausdrucksstark. Denn die Dame legte nach:
„Dan roei je erheen, zet je de fles op de steiger, kom je terug en haal je je fiets. Daarna hoef je niet ver meer.“
Übersetzt:
„Du ruderst mit dem Boot hinüber, stellst die Flasche auf dem Steg ab, ruderst zurück, holst dein Fahrrad und fährst dann nur noch ein kleines Stück. Dann hast du es fast geschafft.“
Ich schwankte zwischen Bewunderung und der Vermutung, dass ich gerade Opfer eines niederländischen Sozialexperiments geworden war. Vielleicht wollte man herausfinden, wie weit ein Deutscher geht, wenn man ihm eine vollkommen absurde Lösung nur freundlich genug präsentiert. Die Verkäuferin wirkte jedenfalls nicht so, als mache sie Witze.
Und ich gehöre leider zu den Menschen, die selbst vor einer noch so kafkaesken Situation nicht zurückschrecken. Wenn mir jemand eine völlig bekloppte Idee mit ausreichender Selbstverständlichkeit vorträgt, halte ich es offenbar für eine gute Herausforderung, ihre praktische Umsetzbarkeit zu überprüfen. Also gut. Dann eben Ruderboot.
Die Boote sahen aus, als hätten sie kurz nach der letzten Eiszeit ihre Jungfernfahrt absolviert. Ich hievte die Gasflasche hinein und widmete mich den Rudern. Diese waren schwer, massiv und von einer Form, die man am ehesten als historisch gewachsen bezeichnen konnte. Eine der Ruderaufnahmen war außerdem defekt. Kein Problem. Was konnte schon schiefgehen?
Ich stieß ab und trieb mitsamt Gasflasche hinaus auf den Kanal. Bereits nach wenigen Ruderschlägen stellte ich fest, dass ich mich zwar auf einem Gewässer befand, aber noch lange nicht im Besitz eines funktionierenden Antriebskonzepts war. Mit der Eleganz eines niederländischen Blesshuhn versuchte ich, das Boot in die richtige Richtung zu bewegen. Mangels funktionierender Ruderaufnahme entwickelte sich die Fortbewegung zu einer Mischung aus Winnetou, zu viel Tequila und einem sehr schlecht organisierten Fluchtversuch. Ich ruderte links. Das Boot fuhr rechts. Ich ruderte rechts. Das Boot entwickelte eigene Vorstellungen. Ich ruderte auf beiden Seiten. Das Boot schien darüber nachzudenken.
Die Gasflasche saß derweil erstaunlich stabil im Boot und war vermutlich der einzige Passagier, der die Reise souverän im Griff hatte. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit und kostete Kräfte, von denen ich bis dahin nicht einmal gewusst hatte, dass ich sie besaß. Aber irgendwann erreichte ich tatsächlich den gegenüberliegenden Steg. Ich lud die Flasche aus, stellte sie ab und betrachtete mein Werk. Die Versorgungslage war gesichert. Zumindest auf dieser Kanalseite.
Nun musste ich nur noch zurückrudern. Ohne Gasflasche. Eigentlich sollte das die leichtere Übung sein. Am gegenüberliegenden Ufer hatten sich inzwischen weitere Zuschauer eingefunden. Neben der Verkäuferin stand ein Niederländer, der mich mit einem Gesichtsausdruck beobachtete, als hätte er gerade einen seltenen Vogel entdeckt, der irgendwie außer Kontrolle geraten ist. Beide schauten ausgesprochen besorgt.
Ich deutete das als Anteilnahme. Vielleicht war es auch die Sorge, dass ich ihr Ruderboot dauerhaft besetzen könnte.
Jedenfalls wollte ich jetzt nur noch aussteigen. Möglichst würdevoll. Am besten mit einem eleganten Schwung auf den Steg, wie man das aus Filmen kennt, in denen Menschen grundsätzlich alles können, was sie gerade tun müssen.
Ich legte an, setzte zum Aussteigen an und bewies innerhalb eines Wimpermschlages, dass ich nicht zu diesen Menschen gehöre. Ich strauchelte. Mein Gleichgewicht verabschiedete sich ohne Angabe einer neuen Adresse. Im Reflex klammerte ich mich an einen Pfosten. Für einen kurzen Moment hing ich irgendwo zwischen Boot, Steg und persönlichem Totalversagen. Dann folgte ein dumpfer Aufschlag, der vermutlich in den Niederlanden als seismologisches Ereignis registriert wurde. Ich landete mit meinem Hinterteil auf dem Steg. Ein Schuh, nebst dazugehörigem Fuß, war bereits im Wasser. Ein Glück, dass niemand filmte. Dieses Video wäre viral gegangen.
Ich rappelte mich auf, rettete, was von meiner Würde noch trocken war, schwang mich aufs Fahrrad und fuhr davon. Hinter mir blieben zwei Niederländer, die mich ansahen, als hätten sie gerade einen besonders verstörenden Dokumentarfilm in Echtzeit erlebt.
Ich bin ziemlich sicher, dass die Geschichte vom wahnsinnigen Deutschen noch lange in diesem Hafen erzählt werden wird. Vielleicht sitzen die beiden eines Tages mit ihren Enkeln am Kamin und sagen: „Kinder, wir haben damals einen Mann gesehen, der wollte eine Gasflasche kaufen. Er nahm ein Ruderboot. Er kämpfte gegen die Natur. Er durchnässte seinen Schuh. Und er kam trotzdem wieder.“ Und alles nur weil eine freundliche Verkäuferin gesagt hatte:
Nee, je kunt de roeiboot nemen!