Es gibt Momente, die laufen einem nicht über den Weg – sie hupen laut „Ciao!“ und parken direkt vor dem Wohnmobil.
Was erwartet der durchschnittliche autofahrende Deutsche, wenn er beim Automobilclub anruft? Ein seriös ausgestattetes, Vertrauen erweckendes Pannenfahrzeug. Dazu einen freundlich, aber angenehm amtlich dreinblickenden Helfer, der einen Schraubenzieher zuverlässig von einem Wagenheber unterscheiden kann. Er parkt sein Fahrzeug, schaltet die Warnblinkanlage ein und begrüßt den Kunden mit einem routinierten: „Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“ Gehört er zur lockeren Fraktion seiner Zunft, kommt vielleicht noch ein: „Na, warum will er denn heute nicht mehr?“
Heute hatte allerdings ein mitcampender Niederländer ein kleines Malheur mit seinem Auto. Ich saß gerade bei der Lektüre meiner Tageszeitung, als ich ein lautes, fröhliches „Ciao!“ vernahm. Die Begrüßung kam von einem überaus sympathisch wirkenden Italiener, der optisch ohne Umwege beim regionalen Schlagerkontest hätte auftreten können. Gut gebräunt, strahlendes Lächeln, sommerlich-leger gekleidet – der Mann vermittelte spontan das Gefühl, mit ihm könne man eher einen Bellini trinken als eine Autoreparatur besprechen. Der Niederländer mit dem defekten Wagen gesellte sich zu ihm. Da wurde mir klar: Das ist gar kein Schlagersänger. Das ist der Pannendienst!
Und dann nahm ich sein Einsatzfahrzeug wahr.
Ich musste mir tatsächlich die Augen reiben. Das Gefährt war eine Mischung aus dem Auto von Mister Bean und dem Raumschiff von Mork vom Ork. Ein italienischer Kleinwagen, dessen Baujahr vermutlich schon historisches Interesse genießt. Eine Waschanlage hatte er seit seiner Auslieferung wahrscheinlich nur noch aus sicherer Entfernung gesehen. Dafür verfügte er über beeindruckende Bodenfreiheit, allerlei nützliche Ausrüstung auf dem Dach und ein dekoratives weißes Zierkissen auf der Ablage, das dem Ganzen einen Hauch Wohnzimmeratmosphäre verleiht. Kurz gesagt: Der komplette Gegenentwurf zu dem, was man sich unter einem klassischen Pannenfahrzeug vorstellt.
Während ich noch dabei bin, diesen Anblick zu verarbeiten, redete der fröhliche Italiener ununterbrochen auf den Niederländer ein und schraubte dabei scheinbar nebenbei an dessen Auto herum. Wenige Minuten später war das Werk vollbracht: Die Panne behoben, der Niederländer war glücklich und der Italiener sprach bereits mit dem nächsten Passanten, als hätte er den ganzen Campingplatz persönlich eingeladen.
Ich fragte ihn, ob ich ein Foto von seinem außergewöhnlichen Einsatzfahrzeug machen dürfe. Sein Gesicht begann noch mehr zu strahlen – fast so sehr wie gestern das des Bademeisters, als ich ihn um ein Foto bat. Offenbar freuen sich Italiener, wenn jemand sie oder ihr Fahrzeug für fotowürdig hält.
Wir wechselten noch ein paar freundliche Worte, dann fuhr er davon. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er auf dem Weg zum nächsten Einsatz laut gesungen hat!
Notti magiche, inseguendo un goal, sotto il cielo, di un’estate italiana
