„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.“ Das ist ehrlich gesagt das Einzige, was ich von Matthias Claudius kenne. Nach dem vergangenen Wochenende muss ich allerdings feststellen: Der Mann hatte recht.
– Ich habe es ja schon immer gewusst. –
Also: Es geht nach Berlin. Wer mich kennt, weiß: meine Lieblingsstadt in Deutschland. Entsprechend freue ich mich wie Bolle. Die Hinfahrt und die Landung auf dem Campingplatz Kladow verlaufen reibungslos. Der Platz wird allerdings gerade von Metallica-Fans geflutet, denn die Kapelle spielt am Samstag im Olympiastadion und stellt nebenbei auch noch einen Zuschauerrekord für ein Stadionkonzert auf. An diesem Abend muss ich allerdings mein Sortiment an Vorurteilen etwas überarbeiten. Für mich waren Metaller bisher Menschen, die zwar sehr viel Musik, aber eher wenig Wasser an sich heranlassen. Hinter ihnen vermutete ich stets eine leicht beißende Duftnote. Das ist offenbar Vergangenheit. Der Metallica-Fan des Jahres 2026 ist geschniegelt und trägt ein bedrucktes Hemd mit Bügelfalte. Man lernt nie aus.

Kommen wir am nächsten Morgen zum nächsten Vorurteil, das sich allerdings eindrucksvoll bestätigt: Berliner Bus- und Taxifahrer pflegen einen eher robusten Kommunikationsstil.
An der Bushaltestelle angekommen, entdecken wir eine kreative Bürgerinitiative. Da die offizielle Sitzgelegenheit fehlt, haben findige Anwohner kurzerhand zwei Stühle aufgestellt. Ich zücke mein Handy für ein Foto – und plötzlich ertönt hinter mir eine Bushupe aus der Abteilung „Nebelhorn“. Mir stockt der Atem. Beim Einsteigen doziert der hupende Busfahrer anschließend SEHR DEUTLICH, was er von meiner Fotografier-Aktion hält. Ich begebe mich daraufhin demütig und ohne weitere Wortmeldungen auf meinen Sitzplatz.

Unser Ziel ist das Rathaus Schöneberg, wo die Hochzeit von Sonja und Chris stattfindet. Ein historischer Ort. Hier verkündete John F. Kennedy 1963 sein berühmtes „Ich bin ein Berliner“. Heute findet dort ein Flohmarkt statt. Geschichte und Trödelmarkt an einem Ort – das muss man auch erst einmal zusammenbringen. Wir bahnen uns unseren Weg durch die Verkaufsstände. Niemand nimmt Notiz von uns. Wahrscheinlich gehören Hochzeitsgesellschaften hier zum normalen Straßenbild.

Busfahren, die Zweite. Nach der Trauung geht es zum Ort der Feier. Kennt eigentlich noch jemand den Film „Fitzcarraldo“ von 1982? Klaus Kinski spielt darin einen exzentrischen Choleriker, der mitten im Dschungel ein Opernhaus bauen will. Unsere heutige Busfahrerin erinnert verdächtig an diese Figur. Nun hat sie ihren großen Auftritt. Mit cholerischer Selbstsicherheit regiert sie ihren Linienbus wie ein Admiral seine Fregatte. Irgendwelche Witzbolde haben hinten den Alarmknopf gedrückt. Schimpfend marschiert sie durch den Bus und motzt alles zusammen, was ihr gerade in den Sinn kommt. Die Dame besitzt zweifellos Unterhaltungswert. Die Fahrgäste hingegen schweigen in ehrfürchtiger Demut.

Gefeiert wird schließlich in einem Fischerheim direkt an der Spree. Bei herrlichem Frühsommerwetter verspricht die Location eine wunderschöne und typisch berlinerisch entspannte Party. Zunächst läuft alles ganz klassisch ab. Es gibt eine mehrstöckige Hochzeitstorte, und ich verliebe mich sofort in die Nugat-Etage. Großartig! Nach dem Kaffeetrinken verkündet das Brautpaar, dass der benachbarte Tretbootverleih exklusiv für die Hochzeitsgesellschaft reserviert wurde. Wir dürfen also eine Runde über die Spree schippern.

Das machen wir! – So zumindest der Plan.

Am Steg wirkt alles etwas aus der Zeit gefallen, aber das stört niemanden. Berliner Nostalgie eben. Dass die Nostalgie allerdings derart authentisch werden würde, war von außen betrachtet vermutlich urkomisch, für uns zunächst jedoch etwas „to much“. Kurz gesagt: Der Übergang vom morschen Steg zum Boot erwies sich als zu große Herausforderung. Die Gattin und ich landeten mitsamt unserem feinen Zwirn in der Spree. Abkühlung in Abendkleid und Anzug – Wellness in der Spree. Es gab später vereinzelt Spekulationen, dass möglicherweise hochprozentiges seinen Anteil an diesem Missgeschick gehabt haben könnten. Dem widerspreche ich hier ausdrücklich. Wir waren stocknüchtern. Nach der Rettungsaktion stellte sich die Frage: Was nun?

Die meisten Hochzeitsgäste hatten entweder gar kein Auto dabei oder inzwischen das eine oder andere Piccolöchen genossen. Ein Fahrer war nicht aufzutreiben, und triefnass in ein Taxi zu steigen erschien uns ebenfalls wenig charmant.

Also marschierten wir klatschnass zum nächsten Einkaufszentrum und gingen shoppen. Das Beste an der ganzen Aktion: Ich konnte den Rest der Hochzeit völlig entspannt in Shorts und T-Shirt verbringen. Man muss die Vorteile erkennen, wenn sie sich bieten. Und übrigens: Die Party war großartig.

Von hier aus wünschen wir Sonja und Chris noch einmal alles Gute für euren gemeinsamen Weg!